Die Zukunft ist schon vorbei. Emre Akal’s „Nur Ihr wisst, ob wir es geschafft haben werden“

zur Uraufführung von Emre Akal’s „Nur Ihr wisst, ob wir es geschafft haben werden“ am Ayse X Staatstheater (aka Hoch X), München.

Wo anfangen – wo aufhören? Das wird sich Emre Akal auch gefragt haben bei der Konzipierung seines neuesten Stücks. Vor oder nach der Apokalypse, eben wenn alle viralen Netze bereits versagt haben und die Menschheit schon über viele Generationen entscheidende Kulturtechniken vergessen haben: was gut schmeckt oder schlecht zum Beispiel (die verabreichten weißen Plastiktüten sehen nicht appetitlich aus), womit man was macht (ein Kamm ist keine Gießkanne, das eine Teil gießt nicht gscheit, das andere kämmt überhaupt nicht) und last but not least: die Sprache. Wobei die über eine abgeflachte Welt wankenden, fleischfarbig-zerrissenen Gestalten sich wohl eh nicht so viel zu sagen hätten. Schreien können sie nur noch, laut, atonal im Chor, und essen, gemeinsam, vereinzelt (die Notdurft erspart uns der Regisseur/Autor).

Die ganze Zivilisation muß neu gelernt werden in dieser düsteren Vision, und somit gemahnen die verblieben Wesen an die ersten aufrecht gehenden Affen in Stanley Kubrick’s 2001. Von außen und kaum beachtet kommt ein geduldiger, gemütlicher Gott, gespielt von Erkin Akal, Emre’s Vater. In seinem Prolog beschreibt er seine Vorstellung von der Zukunft, gespeist auf seinen realen Erfahrungen mit Militärdiktatur und Ausgrenzung, Flucht. Da kommt auch nur Ruhe, Friede, Liebe, raus, aber Erkin Akal gelingt die Verbindung dank eigenem Erleben fabelhaft. Kindisch freut sich der 79-jähruge, daß er endlich mal eine Sprechrolle hat in einem Stück seines Sohnes, eine gute Entscheidung des Autors. Xaver Unterholzner (Bühne) hat eine geschundene, erodierte Fläche geschaffen, in durchsichtige Plastikfolie verpackt und das ganze mit einer großen Projektionsfläche abgeschlossen auf der die Wetterverhältnisse der Endzeit, tags und nachts gezeigt werden. Genug Raum für Akal’s Bewegungstheater, in dem die wippenden namenlosen Protagonisten (durchweg gut, daher alphabetisch: Melek Erenay, Adi Hrustemović, Željko Marović, Jasmina Musić, Mara Widmann, Çağlar Yiğitoğulları) zu Menschen mutieren können. Als Gruppe, chorisch summend oder sprechend und später auch einzeln zeigen sie, wie sie sich anhand von gefundenen Gegenständen eine Erinnerung zusammenbasteln und in Märchenkostüme schlüpfen (Kostüm: Melina Poppe). Verwoben wird das Ganze von Mathis Nitschke’s Tonspur und Musik, die zwischen Sphärenklängen auch mal krasse Gewitter blendet (meist zum Szenenwechsel).

Schon der Titel des Stücks „Nur Ihr wisst, ob wir es geschafft haben werden“ beschreibt die Ungewissheit dieser Zeitreise, die Ziellosigkeit des Unterfangens. Wenn angekommen wird, dann höchstens im irgend- oder nirgendwo. Daß daraus keine nennenswerten dramatischen Bögen sprießen ist systemimmanent. Und wo Reden erst gelernt wird kann man keine Shakespeare-Monologe erwarten. Wenn keiner mit dem andern redet, gibts auch keinen Dialog. Aber so eine vage Situation kommt Akal gerade recht, er konzentriert sich auf die Stimmung und den Bewegungsduktus seiner Figuren und entwickelt daraus eine metamorphische Choreografie. Schöne Bilder bleiben so haften, die die Entwicklung neuer Wesen begleiten. Verständlich ist das nicht, aber vielleicht ist das nur der Beginn der Auseinanderstzung mit einer Zukunft ohne Inhalt? Herbert Achternbusch zum Thema Zukunft: A: „Das waren einmal die Alpen“. B: „Mein Gott, wenn das die Bayern wüßten.“

 

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Schlechteres Stadttheater: der Riss durch die Welt

zur Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs „der Riss durch die Welt“ am Cuvilléstheater in München

Einen Riss durch die Welt, durch die Gesellschaft, das gibt es durchaus, denkt man und bereitet sich vor auf Soziales am Theater. Daß es dann ganz undifferenziert anders kommt kann man ja nicht wissen: Roland Schimmelpfennig, scheinbar ein wichtiger Dramatiker (Programmheft!) hat im Auftrag des Residenztheaters unter der neuen Intendanz von Andreas Beck ein Stück geschrieben: „Der Riss durch die Welt“, Tilmann Köhler hat das inszeniert. In einem abstrakten Bühnenbild, möbliert mit vier barocken Stühlen (Bühne Karoly Risz) bewegen sich zwei Paare und das Mädchen, das zum Haus gehört. Das Haus („die Hütte“) ist ein mondänes Chalet mit einem wunderbaren Ausblick über die (Basler?) Alpenwelt, das Tal bis zum Horizont gehört wahrscheinlich auch mit dazu (das ganze Rheintal?). Dort oben ist es so ruhig daß die ganze Zeit die Schauspieler schreien müssen wenn sie ihre Albträume haben. Und zwischendurch platte „Conversation“.

Sie sind dort oben quasi Shining-mässig eingesperrt so ganz ohne Handy, und ein Aufzug (oder eine U-Bahn) voller Blut spielt auch noch eine Rolle. Die Reichen Tom (Oliver Stokowski) und Sue (Carolin Conrad) unterstellen den Armen, der kreativen Sophia (Lisa Stiegler) und ihrem Lover Jared (Benito Bause) daß sie ihnen ans Geld wollen. Das Mädchen (Cathrin Strömer), das eigentliche Proletariat, kommentiert gehässig die Szenerie.

Viel mehr läßt sich leider nicht sagen über Schimmelpfennigs Dramolett das dann allerhand alttestamentarische Plagen zitiert aber ansonsten die Figuren ohne (weiter-) Entwicklung läßt. Und auch Tilmann Köhlers Regie läßt die Schauspieler arg im Regen (oder Hagel) stehen. Sie jodeln immer höher und lauter, sie chargieren vor sich hin was ihnen so zu den Rollen eingefallen ist und leiden fürchterlich unter ihren vorgeschrieben Albträumen. Das ist platt, undifferenziert und ohne Tiefe. Es macht den Zuseher einsam nach einer halben Stunde, ratlos, weil nichts mehr erwartet werden kann. Die Bühnenbewegungen sind ausgereizt, die Gläser werden weiter wütend an die Wand geschmissen, es hagelt mal theatral und das Geld ist verbrannt. Die einzige Rettung: die sphärische Live-Musik von Dorothea Bender/Svenja Hartwig (Flügelhorn, Windspiel) und Matthias Krieg (ist das tatsächlich eine Glasorgel die er da unsichtbar spielt?).

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So geht Tschechow nicht. Drei Schwestern, Kammerspiele München

Schön anzusehen: Susanne Kennedy’s Drei Schwestern an den Kammerspielen.

von Carl Ansberg

Auf eine gewisse Art trifft Susanne Kennedy das Tschechowsche Landleben schon – die Endlosigkeit russischer Sommertage, die Wiederholungen des immer Gleichen, das schicksalhaft Verwobene der Charaktere, ja auch die Langeweile fängt sie gut ein. Allerdings bleibt das Dialogische, die Geschwätzigkeit, die Koketterie, die Tagträumei auf der Strecke. Ist ja auch kein Wunder, Kennedy bedient sich aus Drei Schwestern wie aus einem Steinbruch. Mit gefühlt zehn markanten Sätzen hangelt sie sich durch den ganzen Abend. Gebraucht sie die Drei Schwestern einfach nur, um das melancholische spät-zaristische Landidyllen-Mäntelchen nicht extra selbst stricken zu müssen? So geht Tschechow wirklich nicht.

Aber eine tolle Kennedy’sche Multi-Media Show, eine Kombination aus Video, Installation und Texten sind die Drei Schwestern an den Kammerspielen allemal: eine Bühne im eigentlichen Sinn gibt es nicht mehr, die Stellen wo sich was bewegt sind eigentlich nur Projektionsflächen. Ein kleiner schmaler Kasten hängt mitten in einer riesigen Leinwand, von Laufschrift umflossen. Darin finden sich manchmal anonymisierte Figuren, oder deren verpixelte Abbilder, es geht wohl um Ewigkeit an einem nicht näher bestimmten Ort. In Kombination mit einer mal wummernden, mal ächzenden, mal ahnungsvoll dräuenden Tonspur ergeben sich verblüffende Effekte, die Voiceovers und das Gehampel der maskierten Pantomimen schaffen sogar stellenweise so etwas wie Komik. Hat man sich mal darauf eingelassen erschließt sich ein schöner Abend. Man hat Spaß am Erforschen der minimalen Veränderungen einzelner wiederholter Szenen. Kennedy hat ein gutes Gefühl für ihre Mittel, setzt elegant Bögen und Akzente, so bleibt der Abend kompakt und konsistent in seiner Fremdartigkeit.

Das Loop-hafte, Ausweglose gibt es ja schon bei Tschechow, dort ein durchaus beabsichtigter Nebeneffekt – aber eben nicht die einzige Idee der Drei Schwestern. Kennedy reduziert diesen Aspekt auf die Frage: was passiert eigentlich nach den drei Schwestern? Nach Moskau kommt bei Tschechow eh niemand, die Schwestern nicht, kein Kirschbaumholz und auch die Möwe Nina bleibt in der Provinz sitzen. Kennedy geht es wohl eher ums bildliche, plakative, das Gesamtkunstwerk, nicht im wagernischen Sinne sondern als Werksplitter, als momentane Ausformung ihrer künstlerischen Fantasie. Mit den Waffen des Stadttheaters und ihrer Masche der Ent-Individualisierung der Schauspielertheaters (Masken in Kombination mit Voice-Overs).

Die Absenz von Gesichtern, Texten, Dialogen, ganz grob gesagt von Inhalt und Handlung ist schon frappant, nicht nur bei Susanne Kennedy. Bewegung ertarrt zur Pose, der Raum gerinnt zu Pixeln, die Rollen sind völlig aufgelöst. Generell stellt sich die Frage – sind die Theatermacher zu jung um was erlebt zu haben? Warum lassen sie nicht die Finger von den Klassikern, nutzen sie nur als Bergwerk und umranken die Versatzstücke mit ein paar Ideen? Das ist doch zu einfach, zu vorraussetzunglos konsumierbar – aber für neue Theatergängerschichten gedacht?

Dann aber gleich mal andersrum gedacht! Gebären wir Zuschauer in unserer Orientierungslosigkeit und Stoffüberflutung nicht solche Theatermacher wie Susanne Kennedy? Einer bei der man schon vorher weiß, wo man dran ist? Erdrücken wir sie nicht mit unserer eindimensionalen Erwartung „ah ja, die Kennedy, die ist berühmt, das ist modern, mit Masken, Video und so“? Das wäre auch eine Erklärungsmöglichkeit für Kennedys besessene Arbeit an ihrem Alleinstellungsmerkmal maskiertes Theater. Ich wünsch den Mondtags, den Raus und auch der Kennedy die Freiheit alles anders zu machen als von ihnen erwartet. Interessant ist ihre Arbeit sowieso.

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Nicht mal ein Skandal. Uraufführung „Eine göttliche Komödie Dante Pasolini“, Residenztheater München

„Eine göttliche Komödie Dante <> Pasolini“ von Federico Bellini als schwulenfeindliches Schwulenstück am Residenztheater

Von Carl Ansberg

Eigentlich eine gute Idee, Licht ins Ableben Pier Paolo Pasolinis bringen zu wollen und seinen Todeskampf wie in Delirien mit Dante Alighieris Göttlicher Komödie zu illustrieren. Beide genialisch-düstere Visionäre. Ihre Werke wahre Steinbrüche großartiger Sätze, sprechbar, dramaturgisch vernetzbar, zart und brutal zugleich.

Hätte. Könnte. Würde. Wer hat hier nur die Juwelen verschenkt? Der Autor Federico Bellini? Der Regisseur Antonio Latella? Das ganze Team zusammen hatte Anteil daran. Als Zuschauer ist es schwer zu sagen, wieviel Last der unzusammenhängende Text Bellinis zu tragen hat, einfacher schon ist es zu beurteilen wie läppisch die Regie hier agiert, gleiches mit gleichem „überhöht“, versucht mit Nacktheit zu provozieren, wie inflationär dadurch jegliche Spannung zerstiebt, wie abfällig und diskriminierend, verständnislos Latellas Darstellung des Schwulseins ist. Das Kostüm beschränkt sich auf ein Einziges für alle Darsteller, die Bühne wird in ihrer Leerheit gerettet von einem malträtierten Alfa Romeo Junior Sprint GT und einer fahrbaren Telefonzelle. Und später regnet es auch noch.

Den Schauspielern sollte man wohl nichts ankreiden, außer daß sie mitgemacht haben bei diesen dürftigen Regie-Einfällen und Choreografien. Und italienisch radebrechen sollte sich auch keiner zwingen lassen. Schnell ist jeder auf Schreiniveau, dem auch die zarten Dante-Töne unterworfen sind. Da wird pantomimisch gehauen und getreten und übertötet, mehrmals hintereinander und später immer wieder, wer, wen ist eigentlich egal, warum? Erst recht. Und, Achtung! Filmische Mittel werden eingesetzt, Zurückspulen, Zeitlupe, Schnitt! – Pasolini war ja Regisseur! Wie auch der Pasolini-Missversteher Antonio Latella?

Überhaupt Latella: die heute einzig wahre Pasolini-Lesart, oberflächlich recherchiert, ist ja von ihm. Ein gestandener Mann, Italiener immerhin, übernimmt die Deutungshoheit über PPP zu einer Zeit in der sich Pasolini selbst und vor allem seine linken Genossen nicht mehr wehren können. Der eine zerfressen von den Maden, die anderen aufgerieben zwischen Populismus à la Berlusconi und Opportunismus à la Nuova Sinistra.

Zum Stück: der am Boden liegende Lederjackenträger ist wohl der arme Pasolini, immer wieder herumgezerrt und geschändet, so ists halt auf der Abseite des Lebens. Irgendwann ist jeder Schauspieler mal nackt (warum?). PPP erscheint seine Mutter, die ihn in den Himmel lockt und dann doch nur am Pimmel nimmt und rings um die Bühne führt (Gelächter im Publikum). Latella findet keinen Zusammenhang zwischen den Szenen und auch kein Ende, filmisch hätte man sich einen Zeitraffer gewünscht. Textlich einen Stummfilm.

Bemerkenswert nur: 5 ausgewachsene Männer in einem Bertone: Respekt!

Ein Teil des versteinerten Premierenpublikums verlässt den Saal in wahren Scharen scharrend, Türen schlagend, vorzeitig. Viele Buhs und viele Claquere.

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Verhaftet im Jetzt. Uraufführung von „Doktor Alıcı“, 24.1.19, München

Text von Olga Bach nach Arthur Schnitzler, Regie Ersan Mondtag, UA am Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele, 24. Januar 2018

Text von Carl Ansberg

Es blitzt und donnert und Regen pladdert üppig auf die Bühne der Kammerspiele, darauf erhebt sich spitzgiebliges Haus das an Norman Bates‘ Hotel in Psycho erinnert, oder auch an das Bild American Gothic, dahinter ein echter Theaterprospekt (Klasse Bühne: Nina Peller), der an San Francisco vor dem großen Erdbeben erinnert. Und das soll München sein? Vor der Landtagswahl 2023? Soll es natürlich nicht und eben schon – gleich ist man drin in Ersan Mondtags verfremdeter, dumpfer Atmosphäre, die noch mit einer feinziselierten Musik- und Tonspur zusätzliche Gruseligkeit und Orchester-Bombast erhält.

Doktor Selin Alıcı, schon vom Namen her keine Bayerin (gespielt von Hürdem Riethmüller – warum eine türkischstämmige Schauspielerin eine türkischstämmige Karrierebürokratin spielen soll erschließt sich dem Rezensenten nicht), ist Polizeipräsidentin von München geworden. Natürlich ist sie als Frau, Ausländerin (Polizeipräsidenten heißen in München Schreiber oder Andrä, „gscheite“ Namen halt) und vielleicht sogar als Lesbe (ihre „Cousine“ Maria Aniaschwili wird gespielt von der zarten Jelena Kuljić, die die Gesangspassagen bravourös meistert) allen möglichen Anfeindungen und Neidereien ausgesetzt. Um sie herum tigern diverse Politiker und Funktionäre, sowie ihr Assistent (großartig, androgyn, hybrid, zerbrechlich und dazu saukomisch: Thomas Hauser) und geben gutgemeine Ratschläge wie Doktor Alıcı in ihrer Position zu handeln hat.

Und ah, hatte ich das schon gesagt? – es regnet wirklich oft und richtig, es wird stehengelassen und Zuflucht gesucht im (drehbaren) Haus und überhaupt das Klima! Also: es heißt die Wahl wird bedroht von einer rechten Gruppe die einen Anschlag mit Waffen oder Sprengstoff planen – alles passionierte Jäger und Landtagsabgeordnete. Dr. Alıcı entschließt sich für Hausdurchsuchungen und Sicherungsverwahrung ohne Anklage, sie erliegt quasi den Verlockungen des PolAufgGes von 2018. Und prompt stirbt einer der vermutlichen Verschwörer in Haft, der war auch noch Abgeordneter einer populistischen Partei im bayrischen Landtag. Der Staatsschutz, verkörpert von Christian Löber (später auch noch als Fraktionsführer der Populisten) kann oder will Dr. Alıcı nicht helfen, ihr Haus vermag er nicht beschützen, den Dynamik der Verdächtigungen und Bedrohungen nicht aufhalten. Das Establishment, breitspeckig dargestellt von Samouil Stoyanov, gießt munter Öl ins Feuer und laviert sich raus aus der Verantwortung. Die Opposition (Michael Gempart, eher ein bärbeißiger Genosse als einer aus der Partei der Ökologen) legt ihren Finger auf die Wunde, die Hand ins Feuer aber verbrennt sich doch nicht die Zunge. Durch das ganze Tableau irrlichtert der herrliche Damian Rebgetz in mehreren Rollen (Conférencier und Winkeladvokat) und verbindet in dämonischem Outback-bayrisch die Handlungsstränge. Gespielt wird chargenhaft maskiert und grotesk angezogen (tolle Kostüme von Teresa Vergho), gesprochen wird laut (Micro-Ports, wegen des dauernden Regens durchaus angebracht) und direkt, der Text bietet Witz statt Ironie und die Bühne Donnerwetter statt Atmosphäre. Der dramaturgische Bogen ist auf Katastrophe gebürstet und ein Epilog bietet die Rettung des Rechtsstaats, kein Happy End halt.

Das Ganze hat mit Arthur Schnitzler’s Vorlage (Professor Bernhardi) insofern zu tun, als aktuelle politische Bezüge, deutsche Phobien und Urängste die Handlung treiben, grad diese Woche hat Charlotte Knobloch, nach der das Äußere von Dr. Alıcı modelliert zu sein scheint, im bayrischen Landtag erlebt was auf eine klare Positionierung an (Telefon-) Terror folgen kann. Nichts neues also, womit ein Kernproblem von Olga Bachs Überschreibung und Ersan Mondtags Inszenierung aufscheint: trotz der geringfügigen Vordatierung auf 2023 bleibt alles verhaftet im Jetzt, das ja doch Morgen schon Gestern ist. Die antisemitischen Hetzjagd und die politische Dimension langte im K&K Wien kurz vor dem ersten Weltkrieg zum Aufführungsverbot und einem Skandälchen. Heute ist die Angst vor Unterwanderung der Institutionen durch „Fremdstämmige“ gängige Angstvision der Populisten (siehe auch Michel Houellebeqs „Unterwerfung“).

Ersan Mondtag ist ein begnadeter Bühnenbildner und als Regisseur geduldiger Erschaffer von bedrohlichen, schaurigen Stimmungen, Olga Bach findet und schafft ihm die Texte dazu. Wenn so ein Team die Freiheiten der (endenden) Lilienthal-Intendanz in München erkennt und die wunderbaren Werkstätten und Techniker der Kammerspiele zur Verfügung hat, kommt opulentes Illusionstheater heraus. Wenn man allerdings so viel produziert wie Mondtag/Bach geht zwangsweise Radikalität und Überraschungsmoment verloren. Mondtag/Bach sind angekommen im bürgerlichen Stadttheater.

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Nur scheinbar politisch: Miunikh – Damaskus auf dem Hanns-Seidel Platz

zur Uraufführung von Miunikh-Damaskus, Open Borders Ensemble der Münchner Kammerspiele, 4. Mai 2018, Hanns-Seidel Platz, München.

Text von Carl Ansberg

Dass das nichts werden konnte, zumindest nichts Aufregendes, war dem geneigten Beobachter von vornherein klar: wie kann eine aus Damaskus eingeladene Gruppe an den Münchner Kammerspielen eine Perspektive und Einsichten bieten in das Elend in Syrien (außerhalb Damaskus)? In Syrien ist jeder Partei und wer Visa beantragen darf und Reiseerlaubnisse ausgestellt bekommt ist in Assad’s Partei. Andere dürfen nämlich nicht raus aus Ihren Dörfern, Städten oder Vierteln – und sie werden dort bombardiert.

Also: kritische Darstellung der Zustände: Fehlanzeige; realistische Wiedergabe des Alltags auf der „Insel“ Damaskus: möglich – aber wer will das wissen, wer will wissen wie sich die unbetroffene Bevölkerung eingerichtet hat in dem Elend das sie umgibt? Langt es für die Münchner Kammerspiele mit ihrem Flüchtlingsreflex und ihrer notorischen Solzialverherrlichung biografische Improvisationen von Syrern auszustellen, die am Krieg vorbeileben? Solche Leute werden sie nicht brauchen wollen im Bellevue di Monaco, das wollen wir doch hoffen.

Aber, Überraschung, trotz aller systematischen Fehler dieser populistischen Inszenierungs-Idee in der Vorbereitung macht es Spass, den Gästen aus Syrien diesem sogenannten Open Border Ensemble (sic!) zuzusehen, den Gästen aus Damaskus (Majd Feddah, Kinan Hmeidan, Kamel Najma, May Al Hares) wie auch aus Deutschland (Maja Beckmann). Auch der Bühnen-Anhänger von Florian Stirnemann ist super geeignet für Stadtteiltheater (den möchte man öfter von Anderen, vom Anderen genutzt sehen), und die paar Requisiten sind gut durchdacht. In wie man hört kurzer Zeit ist es Jessica Glause gelungen, Schnipsel von Leben zusammenzuweben die mal elegisch, mal lustig, durchbrochen von Dolmetschereien die auf verschiedenen Ebenen daherkommen. Aber: es fehlt der Schmerz des Landes im Bürgerkrieg, die destablisierte, unsolidarisch gewordene von Feindbildern durchseuchte Zivilgesellschaft, die Reibung. Die Insel der Seligen ist Damaskus sicher nicht, aber das Grauen ist schon arg weit weg.

Dem scheidenden Intendanten möchte ich zurufen: geh garstig! Such mehr Reibung, mach mehr Aufstand und sei politisch (das ärgert die Münchner am Meisten), einseitig wie die Sau. Schöpf doch endlich mal aus dem Vollen, hast es doch gesehen wie Schlingensief, Pollesch und Castorf das gemacht haben.

Anmerkung 1.1.2019: das Kulturhaus Neuperlach, vor dem diese UA statt fand ist inzwischen platt gemacht, es muß kommerzieller Nachverdichtung weichen und ein gleichweriger Ersatz ist weder in Sicht geschweige denn geplant…

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Agitprop im Neubauviertel. Uraufführung von „Planet Neuperlach“ von Andrea Funk

Die Neuperlacher mischen sich ein und benehmen sich fast so links wie ihre Strassennamen, im übertragenen Sinn natürlich: in Andrea Funks Gesellschaftsparabel übernehmen sie ihren Stadtteil, vor allem die Kontrolle über die Finanzen. In basisdemokratischer Weise sollen diese umverteilt werden und jeder muss was aus seinem Leben machen – das Amt für Persönlichkeitsentwicklung hilft ihr/ihm dabei. Es gibt sogar ein Ausweisdokument, der Bürgerschein (der findet sich als echte Scheckkarte im vielversprechenden Programmbuch „NeuperlachFirst“).

Am Anfang spielen alle die grüne Wiese, das Idyll draussen vor der Stadt und vor 1967, dann gehts furios los. Der lustvoll skandierende Chor (Ruth Dapper, Blair Gaulton, Mirjam Luttenberger, Evelyne Marie-Börner, Birgit Oswald, Jonas Schlemme, Rudolf Schöler, Sylvia Stockhammer) deklamiert euphorisch das Bürgerlied der Neuperlacher und macht dann Platz für die Vollversammlung, die von dem Mazedonier Goran (herrlich kauzig und zurückgenommen: Christian Buse) geleitet wird. Seine Frau ist Bertha, gespielt von Judith Riehl. In der Versammlung werden die Weichen neu gestellt für die Neuperlacher Bürger, „jeder, der hier lebt, verdient meinen Respekt“ ist das Motto. Optimismus und Aufbau. Von außen neu rein kommt ein Egbert aus Chemnitz (gespielt von Benjamin Hirt) – ein Wirtschaftsflüchtling, der nur eine Wohnung sucht. Egbert versteht anfangs nicht, daß er aktiv mit den Neuperlachern reden und leben muß, sonst wird er nicht (an-)genommen. Ezra, gespielt von Christine Adler verkörpert gleich mehrere Rollen, die das Bürger-Kaleidoskop von Neuperlach wiederspiegeln. Die zentrale Figur ist jedoch Lenka, eine „integrierte Tschechin“ wie sie selbst sagt (zart und anrührend gespielt von Bente Lay), die ihre Tochter Tatiana an den Islam und ihre Lust an der politischen Aktion während des Abends verlieren wird. Die Jugend, schon halb im Spielhallensumpf verkommen, mag nicht bei diesen biederen Revoluzzern mitmachen, sie entziehen sich der sozialen Kontrolle und setzen auf Konfrontation (Tatjana: Olivia Szpetkowska, Hoger: Alexander Wertmann, John: Leonard Rosemann).

Regisseur Joachim Goller hält sich nicht mit der biografischen und emotionalen Entwicklung der Charaktere auf und stürzt das Ensemble gleich rein ins Getümmel. Auf der einfachen, hellen, reduzierten Bühne (Ausstattung Mirjam Falkensteiner) geht es schnell hin zum ersten Plenum, das ist handwerklich gut gearbeitet und die Schauspieler fühlen sich sichtlich wohl in diesen dialogbasierenden Phasen. Die späteren Bürgerversammlungen werden mit Musik unterlegt und blau bestrahlt nur noch pantomimisch abgehandelt werden. Dieses Motiv wiederholt sich und die Stimmung wird immer aggressiver. Und genau hier beginnen die Probleme mit dem Spannungsbogen: Die zart aufkeimende Liebesgeschichte zwischen der störrischen Tatiana und dem aufrichtigen Hoger kann man nur ahnen. Bertha wird allein gelassen mit ihren Selbstzweifeln „bin ich jetzt ein Rassist“? fragt sie ins Leere. Man vermisst das Spielen mit der Utopie, mit dem Politischen, wie es in einer Begleitaktion des Kollektivs Urban Stilz vor dem Eingang geschah (Bürgerschwur, KommerzTrapez statt KunstQuadrat). Alles verliert Kontur, wird eindimensional plakativ.

Im zweiten Teil geht dann alles sehr schnell: Agitprop und Aufmarsch, Aggression und Selbsterniedrigung. Holzschnitthaft wird Lokalkolorit geheuchelt, wo doch leider alles brödlerisch ins Depressive trudelt. Die Utopie geht kaputt und keiner weiß warum? Der Optimismus stirbt im Stimmengewirr, das Außen in Form von Ordnungsmacht bricht ein und bringt alles zu einem katastrophalen Ende. Schade, daß der Funken Hoffnung so ganz ausgetreten wird. Perspektive „was solls“? Zum Schluß aber viel Applaus für die engagierten Darsteller und das Regieteam. Hut ab vor Kulturbunt Neuperlach e.V und Bahar Auer, die diese riesige Produktion ermöglicht und gestemmt hat.

18.5.17, Lilly von Wrangel auf carlansberg.wordpress.com; website: http://www.planetneuperlach.com

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