Die Böse Gute – Herz aus Gift von Andrea Funk am Rationaltheater

Herz aus Gift, Gesche, Mattes

Sinikka Schubert, Timocin Ziegler (Foto Lina Hölscher)

Auf einer verwegenen Annahme basiert Andrea Funks neues Stück, kürzlich uraufgeführt am Münchner Rationaltheater: was wäre wenn Gesche Gottfried, die 1831 in Bremen hingerichtete Serienmörderin, hier bei uns ein neues Leben beginnen könnte? Und weiter angenommen, für alle Zeiten weggesperrte „zeitgenössische“ Täter wie Myra Hindley oder Jürgen Bartsch wären zu ihren Taten vernehmbar? Daraus entspinnt sich eine fesselnde Kriminalgeschichte mit menschlichem Tiefgang. Die Spannung bezieht das Stück aus der Gegenüberstellung von Gesches Neuanfang mit dem vorgefundenen Realität, sie sucht mithilfe einer Partnervermittlung nach einem Mann fürs Leben.

Die junge Regisseurin Lina Hölscher hat sich entschlossen, Psychologie und Emotionen beiseite zu lassen und Andrea Funks Texte in einer Art strengem Figurentheater wirken zu lassen. Die Interviews mit den Massenmördern werden als kleine Filmausschnitte auf die Rückwand der Bühne (Ausstattung: Jonäid Khodabakhshi und Michael Matiu) projiziert. Mit wenigen Lichtwechseln gelingt es, auf der Mini-Bühne des Rationaltheaters erkennbare Räume zu schaffen und so die Szenen voneinander abzugrenzen. Es entsteht eine Art Laboratorium, in dem die Menschen wie unter dem Mikroskop neben- und zueinanderstehen. Die paar Requisiten – ein Drehstuhl, ein Eimer Erde, 10 Hemdchen – stören da nicht weiter. Lina Hölscher vermeidet geschickt alles Gehample und die Schauspieler setzen das auch um.

Allen voran natürlich Sinikka Schubert, die als Gesche Gottfried die physisch spürbare potentielle Gefährderin gibt. Sie ist wechselhaft, zart und leise, schnell und zischelnd und manchmal auch beängstigend laut und bestimmt. Und trotz alledem wunderschön, sexuell anziehend, mitleiderregend und beschützenswert. Ihr Widerpart ist die Leiterin der Partnervermittlung, Irina von Kuck, gespielt von Maike Specht: eine beherrschte, berechnende Frau, die dem einmal geschöpften Verdacht unerbittlich folgt. Maike Specht gibt die Chefin mit metallischen Tönen in der Stimme, klar und rein, stets drauf bedacht, die Fäden in der Hand zu halten, die ihr später natürlich entgleiten müssen.

Die Männer sind leider zu kurz gekommen an diesem Abend. Sie sind ziemlich flächig gezeichnet und chargieren stark, dadurch entsteht manchmal unfreiwillige Komik. Der heimliche Held des Stücks, Mattes, Sekretär in der Heiratsvermittlung, gespielt von Timocin Ziegler etwa, für den am Ende die Frage offen bleibt ob die Liaison mit Gesche ihm nun Freiheit oder neue Abhängigkeit bringt: bubenhaft anstellig torkelt er durch die Szenen, von einer Frau zur Anderen, von einer Watschn zur Nächsten. Zieglers gequälter Blick und Körperhaltung rührt den Zuschauer, in diesem Stellungskampf wird er wohl wieder der Verlierer sein? Christopher Goetzie, der als Ermittler Kross wie ein verbal voyeuristischer Lüstling daherkommt, hätte man sich als ausgewachsenen, dominanten Mann gewünscht – es sei aber gesagt, daß Goetzie in dem schmierigen, triefenden Gestus, den er Kross gibt eine große schauspielerische Leistung glückt.

Es ist schon eine Überraschung, am Rationaltheater, eher bekannt durch Kabarett, Musik, Varieté und Themenabende professionelles Theater vorzufinden. Nachgewiesen ist hier jedoch: der kleine Raum eignet sich gut für solche Off-Off-Produktionen. Alles in Allem ein durchaus gelungener Abend, von dieser Autorin, diesem Ensemble – und diesem Spielort – wollen wir mehr sehen.

(c) 2012, Carl Ansberg, Abdruck, auch nur in Auszügen, nur gegen Belegexemplar und mit Quellenangabe erlaubt.

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Über carlansberg

Studied theatre science, philosophy and german literature in Germany, produced theatre and dance since 1984, led theatre in Germany, led gallery in the US, continued exhibiting and networking until today.
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